Buecher

Handbuch „Online-Aktivismus“ erschienen (Januar 2007)

Aktivimus im Internet ersetzt nicht den Protest auf der Straße – jedoch greifen im Idealfall verschiedene Aktionsformen ineinander...

Libertad hat die Erfahrungen der ersten großen Online-Demo in Deutschland (2001 gegen das Abschiebegeschäft der Lufthansa) in Form eines Handbuches aufgearbeitet und dokumentiert und mit Texten zu politischem Aktivismus im Internet, zum WorldWideWeb als Protestraum, zur Geschichte der Online-Demonstrationen, zur Imageverschmutzungskampagne deportation.class, sowie Infos zur Protest-Software ergänzt.

Eine gute und wichtige Zusammenstellung!!!

http://www.libertad.de/inhalt/projekte/depclass/reader/index.shtml
http://germany.indymedia.org/2007/01/165290.shtml

Rezension: Grothe, Nicole: Kunst oder Politik? Künstlerische Praxis in der neoliberalen Stadt

Nicole Grothe:
InnenStadtAktion. Kunst oder Politik? Künstlerische Praxis in der neoliberalen Stadt.
transcript, 2005

Unter dem Titel „InnenStadtAktion!“ fanden im Sommer 1997 und 1998 zeitgleich in Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz Aktionstage gegen den Diskurs der „Inneren Sicherheit“, die Privatisierung öffentlicher Räume und die damit verbundene Ausgrenzung und Vertreibung bestimmter Personengruppen statt. Die Aktionstage zeichneten sich aus durch eine bunte Mischung unterschiedlichster Veranstaltungsformen und Interventionen im öffentlichen Raum, getragen wurden sie von Gruppen und Einzelpersonen aus dem Kunstbereich sowie linksradikalen Zusammenhängen.

Nicole Grothe geht in „InnenStadtAktion. Kunst oder Politik?“ aus kunsthistorischer Perspektive der Frage nach, welche Rolle Kunst bei der Frage „Wem gehört die Stadt“ – einem Motto der InnenStadtAktionen – spielt, sowohl in Form der Durchsetzung neoliberaler Umstrukturierungen als auch in Form künstlerischer Kritik daran.

Dafür stellt sie zu Beginn ausführlich die Prozesse neoliberaler Stadtpolitik und Standortkonkurrenz unter Einfluss des Diskurses von „Innerer Sicherheit“ und „Zero Tolerance“ in den 90er Jahren dar, die die Privatisierung öffentlicher Plätze, sowie Marginalisierung, Ausgrenzung und Vertreibung von Obdachlosen, DrogenkonsumentInnen, MigrantInnen sowie generell nicht ins aufpolierte Stadtbild passenden und nicht auf kommerziellen Konsum ausgerichteten Personen zur Folge hatte.

Die Rolle und Funktion, die Kunst innerhalb dieser Prozesse im öffentlichen Raum in den 90er Jahren spielte, zeigt Grothe exemplarisch anhand dreier Projekte.
Der Skulpturenrundgang der Stiftung DaimlerChrysler am Potsdamer Platz in Berlin wird als Beispiel für einen mit Kunst gestalteten „gesäuberten“ ehemals öffentlichen, nun privatisierten Platz beschrieben, das Projekt „Skulptur. Projekte in Münster 1997“ als ein Großprojekt, das sich zwar mit Fragen des öffentlichen Raums beschäftigt, dabei aber viele zentrale Fragen (z.B. nach Teilöffentlichkeiten) ausblendet und schließlich die „documenta X“, die kritischer Kunst eine Bühne bietet, dabei aber selbst Standortfaktor und Motor innerstädtischer Umgestaltung und sozialer Ausgrenzung in Kassel ist.

Nach einem Überblick über politische/aktivistische Kunst in den 90er Jahren, werden als Beispiele von Kunst, die diese Prozesse problematisiert und sich mit dem Leben von Marginalisierten in der neoliberalen Stadt beschäftigt, drei weitere Projekte ausführlich geschildert. Die Kategorien von Holger Kube Ventura (Informationskunst, Impulskunst, Interventionskunst) dienen dabei als Beschreibung der Ausrichtung und Zielsetzung dieser Projekte.
Martha Rosslers Projekt „If you lived here...“ (New York, Ende 80er Jahre) bestehend aus Ausstellungen über die Umstrukturierung Sohos und offenen Diskussionsveranstaltungen wird als „Informationskunst (als taktisches Medium)” geschildert. Christoph Schlingensiefs “Passion Impossible – 7 Tage Notruf für Deutschland (eine Bahnhofsmission)“, bei dem 1997 am Hamburger Hauptbahnhof zusammen mit Marginalisierten eine Reihe konfrontativer Aktionen veranstaltet wurden, wird als „Impulskunst (als trigger)“ gekennzeichnet, da hierbei kollektive Äußerungen der Betroffenen ausgelöst werden konnten.
Projekte der KünstlerInnengruppe „Wochenklausur“, die mit Ressourcen des Kunstbetriebs „soziale Projekte“ initiieren, die tatsächliche Verbesserungen für Betroffene bringen sollen und längerfristig weiterlaufen, entsprechen der Kategorie der „Interventionskunst (als Realpolitik)“.

Schließlich wird dann umfassend die Entstehung der „InnenStadtAktionstage“ und deren Vorläuferkonferenzen und -treffen sowie Debatten in künstlerischen wie aktivistischen Kreisen nachgezeichnet, wobei die Besonderheit der InnenStadtAktionen gerade darin gesehen wird, dass sie „weder von den Beteiligten, noch in der Rezeption als Kunstaktion bezeichnet“ wurden. Um Zielsetzung und Ausrichtung vieler der Aktionen, die im Kontext der InnenStadtAktionstage durchgeführt wurden zu analysieren, werden Konzepte und Herangehensweisen der Kommunikationsguerilla dargestellt und wiederum die Kategorien Kube Venturas genutzt (eine Rezension von „InnenStadtAktion. Kunst oder Politik?“ mit Schwerpunkt auf der darin vorgenommenen Untersuchung der InnenStadtAktionen mittels Theorien und Praktiken der Kommunikationsguerilla siehe unter: http://kommunikationsguerilla.twoday.net/stories/1043252 ). Dabei verweist Grothe aber auf das explizite Anliegen der InitiatorInnen, diese Aktionstage in erster Linie als Herstellung von Gegenöffentlichkeit zu begreifen, mittels subversiver wie auch aufklärerischer Formen.

Detailliert beschrieben und untersucht werden dann zahlreiche InnenStadtAktionen in Köln, Berlin und Düsseldorf, sowie die „A-Clips“-Film-Interventionen im Kinoraum.
Abschließend wird kritisch die spezifische Rolle der beteiligten KünstlerInnen, die Problematik von StellvertreterInnenpolitik, Symbolpolitik, Selbstreferenzialität und Distinktionsgewinn betrachtet. Die im Titel gestellte Frage „Kunst oder Politik?“ kann Grothe nicht beantworten, da „die InnenStadtAktionen gerade die Ausschließlichkeit, die in dieser Frage impliziert ist, unterläuft“. Einen Erfolg der InnenStadtAktionen sieht Grothe dann auch v.a. darin, dass über verschiedene Szenen hinweg zusammengearbeitet und gemeinsam eine inhaltliche Kritik artikuliert wurde. Gesamt gesehen ordnet sie die Aktionen der „Impulskunst (als trigger)“ zu, da damit versucht wurde, etwas auszulösen, in Gang zu setzen.

Für die aktivistische Praxis ist „InnenStadtAktion. Kunst oder Politik?“ nicht wegen der Frage nach Kunst oder Politik interessant (da verhält es sich, wie mit der Kommunikationsguerilla: „Kommunikationsguerilla interessiert sich nicht für die Qualität von Kunst nach den Kriterien der Kunstgeschichte, sondern für die Brauchbarkeit ihrer ästhetischen Mittel für eine subversive Praxis“), sondern wegen der Nachzeichnung der Inhalte und Hintergründe einer Kampagne, die Personen und Gruppen verschiedener Felder umfasste und viel Kreativität in die Frage nach der Vermittlung politischer Inhalte brachte. Auch zeigt das Buch, wie Aktionen nach ihren Herangehensweisen und Effekten kategorisiert werden können und liefert damit auch Ansätze für Planung und Auswertung von Aktionen.

Rezension: Sterneck, Wolfgang: Tanzende Sterne. Party, Tribes und Widerstand (Nachtschatten Verlag und KomistA, 2005)

Wolfgang Sterneck, seit Jahren aktiv im „Cybertribe“, Autor mehrerer Bücher (vgl. http://www.sterneck.net/komista/buecher) und Betreuer einer umfangreichen Online-Sammlung zu den Themen Kultur und Veränderung, Musik und Konsequenz, Subkultur, Widerstand, Drogen, Sexualität (http://www.sterneck.net/cybertribe/index.php), hat mit „Tanzende Sterne“ eine kürzere Textsammlung zu „Party, Tribes und Widerstand“ veröffentlicht, die an seine vorherigen Bücher anschließt. Neben der Schilderung (und Begeisterung) für die subversiv-emanzipatorischen, gesellschaftsverändernden Potentiale der Party-Kultur, wie sie aus Sternecks anderen Veröffentlichungen bekannt ist, tritt in vielen der Texte in „Tanzende Sterne“ aber auch eine ernüchternde Beschreibung der Folgen von Freaktum, (Star-)Kult und Kommerzialisierung in der Party-Kultur zutage: „Manche Leute denken, dass die Party-Kultur eine Insel sei, doch viele übersehen dabei, dass jede Insel von einem Meer umgeben ist.“ So wird in den Texten immer wieder die Frage nach Vision und Realität in der Party-Kultur aufgeworfen, und Beispiele (wie das Festival „Nature One“ in dem Beitrag „Das Woodstock des Konsums“) geschildert, wo von Visionen in der Realität nichts mehr übrig geblieben ist. Mehrere Texte widmen sich auch wieder den Themen Bewusstsein, Trance, Drogen und „Psychedelischer Underground“, interessant dabei auch der Beitrag „Die aufgeblasene Flasche“, der die mit der Kommerzialisierung verbundene zunehmende Bedeutung alkoholischer Getränke und ihre negativen Folgen in der Party-Szene nachzeichnet.
Daneben beschreibt Sterneck aber auch wieder inspirierende Projekte, wie Playground, NachtTanzDemo, Reclaim The Streets, Spiral Tribe und Alice (Drug and Culture-Project), berichtet (auch kritisch) vom „Gathering of the Tribes“, einem internationalen Treffen von über 50 Projekten in Los Angeles, sowie in einem Reisebericht von den verschiedenen „Erben der Hippies“ in San Franciscos Subkulturen. Und auch die Ansprüche („Partypolitics“) an eine kritisch-bewußte Party-Kultur werden definiert, bei aller Kritik bleibt das subversive Potential dann auch unbestritten:

„Manche Leute denken, dass die Party-Kultur eine Insel sei und sie öffnen die Augen und sie beginnen zu tanzen – nicht nur auf den Dancefloors, sondern auch überall in den Straßen, in den Klassenzimmern, in den Büroräumen, in den Supermärkten, in den Parlamenten und auf den Treffen der Weltbanken. Und Tanzen steht dabei für Veränderung, für radikale Veränderung.
Manche Leute denken, dass die Party-Kultur eine Insel sei. Und sie verstehen. Und sie tanzen. Und sie träumen. Und sie kämpfen. Und sie lachen. Und sie lieben. Und sie verändern.“

http://www.nachtschatten.ch/nv_main.htm

Protestatlas Leipzig. Text, Bild, Karte. (Rezension)

Klein, grau und unscheinbar kommt er daher, der „Protestatlas“. Drin stecken tut aber eine gute Menge lokaler Leipziger Protestgeschichte in Wort (Chronologie seit 1848), Foto und vor allem in Form von Karten, die Orte, Wege und Daten exemplarisch ausgewählter öffentlicher Protestereignisse festhalten und räumlich veranschaulichen.

Dazu finden sich im „Protestatlas“ Überlegungen zu politischem Protest, seiner Geschichte und Formen, zur künstlerischen Form der „Kartierung“ und zu Möglichkeiten des Archivierens und Nutzbarmachens von Protesterfahrungen.

Entstanden ist der Protestatlas im Rahmen des Projekts general panel, http://generalpanel.org.
Unter http://generalpanel.org/index.php?issue=3&beitrag=1 finden sich neben einer Vorstellung des Protestatlas zwei der Karten.

Die gedruckte Form des 144 Seiten umfassenden Protestatlas mit 6 ausklappbaren Karten kann für 7,50 EUR unter info@generalpanel.org bestellt werden.

Ein interessantes, anregendes künstlerisches Produkt und eine andere Form des Festhaltens von Bewegungsgeschichte.

Jede Stadt sollte über solch einen Protestatlas verfügen!

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